Wahrheit als Grundregulation

Veröffentlicht am 13. September 2026 um 11:33

Wahrheit als Grundregulation – Was ich in meiner Praxis über Verdrängung lerne

Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Menschen, die schwer krank sind. In meiner Praxis begegne ich niemandem mehr persönlich im Wartezimmer,  jede Konsultation findet online statt, jedes Mittel wird verschickt, weil die Menschen, die zu mir kommen, oft nicht mehr mobil genug sind, um selbst den Weg zu einer Praxis zu machen. Diese Distanz hat mir über die Jahre einen eigentümlich klaren Blick geschenkt: Ich sehe die Menschen nicht im Small Talk des Wartezimmers, sondern direkt in dem Moment, in dem sie ihre Geschichte erzählen. Und diese Geschichten wiederholen ein Muster.

Neue Patientinnen und Patienten kommen mir oft so vor, als kämen sie kurz vor einem Vulkanausbruch .... aufgeladen, unter enormem Innendruck, kurz bevor das Verdrängte sich mit Wucht Bahn bricht. Oder sie implodieren: der Druck richtet sich nach innen, das System kollabiert lautlos statt zu explodieren. Beides ist derselbe Mechanismus, nur die Richtung unterscheidet sich. Was nicht mehr gehalten werden kann, entlädt sich .... nach außen oder nach innen.

Hannah Arendt hat 1967 in ihrem Essay „Wahrheit und Politik” etwas sehr Ähnliches über Gesellschaften beschrieben. Sie unterscheidet die Vernunftwahrheit – unangreifbar -, mathematisch  von der Tatsachenwahrheit: dem, was tatsächlich geschehen ist. Diese Tatsachenwahrheit ist verwundbar, weil sie zufällig ist. Sie hätte anders sein können. Deshalb lässt sie sich verdrängen, umschreiben, ersetzen. Nicht die platte Lüge ist dabei die eigentliche Gefahr, schreibt Arendt, sondern das „image-making”  die Ersetzung der Wirklichkeit durch ein geschlossenes, plausibles Narrativ.

Was ich in der Einzelperson sehe, ist die körperliche Übersetzung dieses Prinzips. Im Grundregulationssystem, im Bindegewebe, im vegetativen Nervensystem läuft dasselbe ab wie im gesellschaftlichen Diskurs: Wird das Unbequeme nicht verarbeitet, sondern nur weggeschoben, verschwindet es nicht. Es lagert sich ab. Es wartet. Und irgendwann meldet es sich zurück  als Symptom, als Krise, als Zusammenbruch.

Deshalb sehe ich meine Arbeit nicht als Reparatur einzelner Beschwerden, sondern als Regulationsarbeit: Räume schaffen, in denen das Verdrängte wieder ans Licht darf, bevor es zum Vulkan oder zur Implosion wird. Das ist auch der Grund, warum ich bewusst online arbeite,  nicht nur mit schwerkranken, oft nicht mehr mobilen Menschen, sondern auch mit Menschen, die ortsunabhängig Unterstützung benötigen. Dort, wo persönliche Begegnung im klassischen Sinn ausfällt, wird die Geschichte, die jemand erzählt, oft ehrlicher und direkter, weil kein Wartezimmer, keine Ablenkung, kein sozialer Automatismus dazwischensteht.

In meiner Arbeit begleite ich diesen Prozess mit dem Besten aus 30 Jahren Praxiserfahrung          individuell auf den einzelnen Patienten        zugeschnitten: klassische Homöopathie, Frequenztherapie, Hypnose, orthomolekulare Therapie und Ernährungsberatung, immer aus terrainmedizinischer Perspektive und mit der Grundhaltung: zurück zur Natur. 

Ob Organismus, Psyche oder Polis: Ein System, das Tatsachenwahrheit dauerhaft verdrängt statt reguliert, hält das nicht ewig aus. Irgendwann kommt der Ausbruch. Oder der Kollaps. Meine Aufgabe ist es, vorher da zu sein.

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